Herzensthemen  

Tabuthema: Emotionale Gewalt in der Kindheit

Warum die Erfahrungen emotionaler Gewalt in der Kindheit oft lange unbewusst und wortlos bleiben und der Körper sich dennoch erinnert

Viele Menschen können sich nur bruchstückhaft oder schemenhaft an ihre Kindheit erinnern. Vieles erscheint weit entfernt, verklärt oder „eigentlich normal“.  Denn als Kinder haben wir keine Vergleichsbasis.

Wir nehmen die Art, wie unsere Eltern mit uns umgehen, zunächst als normal und angemessen an. Erleben wir wiederholt Situationen von subtiler Abwertung, Beschämung oder emotionale Zurückweisung, sehen wir dies als gegeben an und nehmen die Schuld dafür oft unbewusst auf uns.

Das ist ein natürlicher Reflex. Denn Kinder sind fundamental abhängig von ihren Bezugspersonen. Sie können sich emotional nicht gegen sie stellen oder gar flüchten – und haben keine inneren Werkzeuge, um destruktive Beziehungsmuster als solche zu erkennen.

So bleibt emotionale Gewalt in der Kindheit oft lange unerkannt, leise und ohne sichtbare Spuren. Sie hinterlässt aber dennoch tiefe Spuren im Körper, die unser Erleben bis heute prägen. Nicht, weil wir „zu sensibel“ sind – sondern weil das, was wir erlebt haben, real war, auch wenn es nie benannt wurde.

Das tiefe Grundgefühl: „Mit mir stimmt etwas nicht“

Viele Frauen (und Männer), die heute in meine Praxis kommen, sagen Sätze wie:

  • „Andere hatten es schlimmer.“
  • „Das war damals halt so“
  • „Ich hatte doch alles"
  • Ich war einfach anders/zu empfindlich.“
  • „Ich weiß gar nicht, was gefehlt hat.“
  • "Es war eigentlich alles gut.“

Und doch reagiert ihr Körper bis heute automatisch mit Anspannung, Rückzug oder innerer Erstarrung, besonders auf Situationen von Nähe, Konflikt oder Abhängigkeit. Sie erinnern sich implizit, dass heisst ausserhalb ihrer bewussten Erinnerung.

Dies zeigt sich über spontane Körperempfindungen und Emotionen als unwillkürliche Reaktionen des autonomen Nervensystems. Aber auch chronische Muskelblockaden, unsere Körperhaltung und auch unsere Beziehungsmuster verkörpern diese implizite Erinnerung. Etwas, was wir zunächst rational nicht zuordnen können,

Emotionale Gewalt bleibt oft ohne sichtbare Wunden

Emotionale oder psychische Gewalt in der Kindheit muss nicht immer laut, nicht offensichtlich, nicht eindeutig zuzuordnen sein. Es gibt kein blaues Auge – und doch gehen die Verletzungen tief und reichen weit. 

Emotionale Gewalt zeigt sich subtil durch:

  • Silent Treatment – emotionaler und oft auch physischer Rückzug als Strafe
  • subtile Abwertung, häufig getarnt als Kritik oder „Sorge“ („Du kannst das nicht.“)
  • ständige Schuldumkehr, die das Kind zum Problem macht („Du bist einfach zu empfindlich.“
  • Manipulation, bei der Nähe an Bedingungen geknüpft ist („Wenn du ein gutes Kind bist, dann …“)
  • Gaslighting, das die eigene Wahrnehmung systematisch infrage stellt („Das bildest du dir ein.“)
  • Parentifizierung, die Kinder werden in die Rolle des Elternteils drängt z.B. dadurch dass diese die Emotionen der Eltern regulieren müssen ("Mama ist nun sehr traurig") oder physisch elterliche Aufgaben übernehmen (z.B. putzen, kleine Geschwister erziehen) etc..
  • Vernachlässigung: kindliche Grundbedürfnisse nach Nähe, Schutz & Fürsorge bleiben regelmässig unbeantwortet, es fehlt an Beschäftigung mit dem Kind ("Jetzt nicht!"). Und das obwohl materiell alles da ist.

Das laute Beschimpfen, Bedrohen und Beschämen eines Kindes ist eine weitere Form emotionaler Gewalt, die tiefe Spuren hinterlässt.  Sie ist eindeutiger als Gewalt identifizierbar, als die oben genannten Formen.

Für ein kindliches Nervensystem ist das hochgradig verunsichernd. Denn die Person, von der Sicherheit, Fürsorge und Orientierung kommen sollten, wirkt unberechenbar und gefährlich, ohne das klar erkennbar ist, warum. Man spricht hier von einem Entwicklungstrauma (Infos per Link).

Da es keinen Ausweg gibt, nimmt das Kind die Schuld häufig unbewusst auf sich: „Ich bin falsch.“

Überlebensstrategien – klug, notwendig, kostspielig

Um Bindung aufrechtzuerhalten und das Überleben zu sichern, entwickelt das kindliche System unbewusst Strategien, um sich selbst zu regulieren und Sicherheit herzustellen, zum Beispiel:

  • Überanpassung / Pleasing / Fawn: sich anpassen, Bedürfnisse zurückstellen, gefallen
  • Rückzug & überfrühe Autonomie: alles allein mit sich ausmachen
  • Perfektion & Funktionieren: Leistung als Weg zu Anerkennung und Schutz
  • Rationalisierung: Gefühle abspalten, Kontrolle über Denken herstellen
  • Hochsensibilität: permanente Wachsamkeit für Stimmungen und Reize 
  • Dissoziation: inneres Weggehen, Tagträumen, Abspaltung vom Hier-und-Jetzt

Diese Strategien sind keine Schwäche. Sie sind hochintelligente Überlebensleistungen.

Doch sie setzen sich oft unbewusst bis ins Erwachsenenleben fort, kosten enorme Kraft über die Jahre und trennen uns von unserem authentischen Selbst, dass sich unter den Bedingungen nicht frei entwickeln konnte.

Unbewusstheit schützt nicht vor Verantwortung

Das Verhalten der Eltern geschieht dabei nicht selten unbewusst – aus eigener Verletzung, Unsicherheit oder ungelöstem inneren Schmerz heraus. Häufig ist es Teil eines transgenerationalen Musters. Doch auch wenn keine bewusste Absicht bestand: Die Wirkung auf das Kind ist real.

Es geht hier nicht um Schuld – sondern um Erkenntnis.

Traumatherapie hilft Entwicklungstraumata zu verarbeiten

Was der Körper daraus lernt

Ein Kind kann diese Dynamiken vom Verstand nicht einordnen. Sein Nervensystem und Körper lernt jedoch trotzdem für Leben. Hier ein paar Beispiele:

  • „Ich muss immer wachsam sein"
  • "Ich bin falsch und muss anders sein!"
  • „Ich muss kämpfen, um zu überleben.“
  • „Fühlen ist gefährlich."
  • „Allein bin ich am sichersten.“
  • „Ich muss mich anpassen, um die Beziehung zu halten.“
  • „Liebe ist nicht sicher.“

Diese Anpassung hatte einen Sinn. Doch sie hat einen Preis.

Im Erwachsenenleben zeigt sie sich häufig Anzeichen als:

  • starke Selbstzweifel trotz äußerer Kompetenz
  • innere Leere oder fehlende gefühlte Identität
  • chronischer innerer Stress
  • Schwierigkeiten, Grenzen zu spüren oder zu halten
  • wachsende Erschöpfung
  • Scham- und Schuldgefühle bei Abgrenzung
  • Beziehungen, in denen Nähe zugleich ersehnt und gefürchtet wird
  • entweder sehr hohe Sensibilität oder einen geringen Zugang zu Emotionen

Der Körper bleibt wachsam – auch wenn der Verstand längst weiß, dass „heute alles anders ist“.

Warum darüber zu sprechen kein Verrat ist

Viele Menschen zögern, diese Erfahrungen zu benennen und darüber mit vertrauten Menschen oder einem Therapeuten zu reden. Aus Loyalität, aus Angst, aus Scham.

Doch die eigene Wahrheit auszusprechen bedeutet nicht, andere zu verurteilen.

Es bedeutet, das eigene Erleben ernst zu nehmen und zu sich selbst zu stehen.

Heilung beginnt nicht mit Anklage, sondern mit der Erkenntnis, das etwas nicht in Ordnung war – und was es gekostet hat. 

Emotionale Gewalt prägt Beziehungsgestaltung

Leider erleben Erwachsene, die emotionale Gewalt in der Kindheit erlitten haben, oft immer wieder in ihrem Leben dysfunktionale Beziehungen  z.B. in Partnerschaft, Job oder Freundschaften, solange sie diese nicht identifiziert und aufgearbeitet haben. Und daran tragen sie keine Schuld.

Denn in der Kindheit lernen wir anhand der Dynamiken im Familiensystem wie Beziehung funktioniert und suchen unbewusst immer wieder, was wir gewohnt sind und unserem System vermeintliche "Sicherheit" gibt. Gab es früher emotionale Gewalt, ist sie ein Stück weit ein normaler Zustand in Beziehung, solange wir sie nicht als solche erkennen und daher als normal akzeptieren. 

Dies ist leider eine tragische Verkettung, die zu weiteren schmerzhaften und potentiell retraumatisierenden Erfahrungen führen kann. Daher ist Erkenntnis unfassbar wichtig, für Heilung und Wandel. 


Körperorientierte Traumatherapie – ein anderer Zugang

In der körperorientierten Traumatherapie arbeiten wir nicht gegen die Vergangenheit. Und nicht gegen die Eltern.

Wir arbeiten mit uns, dem Körper und unserem autonome Nervensystem, das gelernt hat, sich unbewusst zu schützen.

Es geht hier um:

  • vertiefte Wahrnehmung
  • bewusste Erkenntnis
  • Anerkennung der schützenden Muster
  • sichere Bindungsserfahrungen
  • langsames Wieder-Spüren / in den Körper kommen
  • neue innere Wahlmöglichkeiten
  • Selbstfürsorge erlernen
  • erkennen von Bedürfnissen und Wahrung von Grenzen
  • entdecken vom Ressourcen und dem "authentischen Ich"

So kann der Körper nach und nach erfahren, dass er jetzt sicher ist. Das Wahrheit heute nicht mehr Gefahr  – und Nähe nicht mehr Anpassung bedeuten muss.

Als Körperpsychotherapeutin begleite ich Frauen, die emotionaler Gewalt in der Kindheit erfahren in meiner Hamburger Praxis und biete Ihnen einen geschützten, sicheren und körperorientierten Raum. 

Schritt für Schritt dürfen sie in ihrem Tempo erfahren, dass Sicherheit nicht mehr durch Härte und Druck, sondern durch Verbindung, Mitgefühl und Lebendigkeit entstehen kann.

Sonja Elmas

Über die Autorin:

Sonja Elmas

Als Heilpraktikerin für Psychotherapie und Psychologische Beraterin ist es mein Herzensanliegen, dich dabei zu unterstützen, Wege aus dem chronischen Stress zu finden – zurück zu dir.

Ich lebe mit meiner Familie – meinem Mann und zwei wunderbaren Jungs – in einem kleinen Haus am östlichen Hamburger Stadtrand in Rahlstedt.


Hier erfährst du mehr über mich.